Dieses Semester an der Uni hatte ich das Vergnügen, ein paar Lieder auf Mittelhochdeutsch und Althochdeutsch zu lesen. Hier ist eine kleine Analyse dazu, die ich für meinen Kurs geschrieben habe...
1. Analyse von Das Hildebrantslied
Das Hildebrandslied wurde rund 480 n. Chr. geschrieben und ist das älteste Heldenepos auf Althochdeutsch. Wir wissen aber nicht, wer dieses Lied geschrieben hat, weil es sehr viele Male abgeschrieben wurde. In dieser Zeit war die prinzipale Form der Vervielfältigung eines geschriebenen Werkes das handschriftliche Abschreiben des Werkes auf Pergament von Mönche. Die originale Version dieses Werkes fällt ein Schluss, und deshalb gibt es verschiedene Versionen mit mehreren Schlüssen für die Geschichte; einschließlich des Hildebrands Sterbelieds, in dem Hildebrand seinen Sohn tötet, und der Thidrekssaga, in der die beiden sich miteinander versöhnen.
Im originalen Text treffen Hildebrand und Hadubrand sich zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld. Hadubrand entdeckt, dass sein Vater Hildebrand hieß und ihn und seine Mutter verlassen hat, um mit Theoderich in den Kampf zu ziehen, als Hadubrand ein kleines Kind war. Danach sagt Hildebrand, dass sie nicht kämpfen sollen, weil sie Verwandte sind. Aber Hadubrand sagt, dass einem Kampf auszuweichen ehrlos ist. Die Handschrift endet hier, ohne Lösung des Konflikts.
Dieser Text untersucht Themen wie die Beziehung zwischen Ehre und Kampf sowie die sozialen Erwartungen an Männer in der Gesellschaft. Wegen der Konflikte in der Geschichte und der Austausche zwischen Hildebrand und Hadubrand (sie beleidigen sich) kann man annehmen, dass Stärke und Ehre in der männlichen Gesellschaft sehr bewertet war und dass Ehre durch den Kampf schien.
2. Analyse von Das Nibelungenlied (Aventiure 1 und 2)
Das Nibelungenlied wurde um 1200 n. Chr. auf Mittelhochdeutsch geschrieben. Wir wissen auch nicht, wer dieses Lied geschrieben hat. Es hat ein moderneres, lyrisches Gefühl als das Hildebrandslied, weil es aus Strophen mit einem AA-BB-Reimschema statt Alliterationen besteht, und man kann den Reim besser hören, wenn man es laut liest. Später, vor und während des Zweiten Weltkriegs, wurde es für kurze Zeit als Nazipropaganda benutzt, die den nationalistischen Stolz förderte und zu beweisen schien, dass das deutsche Volk eher an die Aristokratie als an die Demokratie gewöhnt war. Das war jedoch ziemlich ironisch, weil die Geschichte ihren Ursprung in der altnordischen Mythologie hat.
In Aventiure 1 und 2 des Liedes lernen wir die Hauptfiguren Kriemhild und Siegfried kennen. Die beide sind hochgeborene Junge in edlen Familien. In Aventiure 1 wird Kriemhild als eine sehr hübsche junge Frau vorgestellt, die mächtige Könige als Brüder hat. Sie hat einen Traum, den ihre Mutter als Prophezeiung interpretiert: dass sie einen Mann heiraten wird, der später ermordet wird. Kriemhild ist erschrocken und stellt fest, dass sie nie einen Mann lieben will und deshalb nie zulassen will, dass ihr Herz gebrochen wird. In Aventiure 2 lernen wir den starken jungen Mann Siegfried kennen, der von allen beliebt ist. Er wird zum Ritter geschlagen und will bald kämpfen.
Ähnliche Themen wie im Hildebrandslied werden untersucht – in beiden Aventiuren sind die Ehre und die ritterliche Kultur herausstehende Themen. Jedoch werden auch die soziale Struktur des Hofes, die höfische Liebe und die Rache als Motive im Text behandelt. Es weicht zudem von der traditionellen Idee eines Heldenepos ab, indem es eine starke weibliche Hauptfigur hat und einen Kampf zwischen dem Willen und dem Schicksal schildert.
3. Verarbeitung: die mittelalterliche Gesellschaft
Die Texte sind ähnlich, indem sie beide Heldenepen sind und Themen wie Ehre, ritterliche Kultur und die Erwartungen an Männer in der Gesellschaft ausdrücken. Man kann deshalb schlussfolgern, dass dies die hauptsächlichen Interessen von Männern in dieser Zeit waren, und vielleicht sogar, dass die Helden in den Geschichten als Vorbilder gesehen wurden. Sie weisen auch, insbesondere das Nibelungenlied, auf eine Nostalgie für alte klassische Themen hin, wie sie in Die Odyssee zu finden sind – Kriemhilds prophetischer Traum und ihre Rache erinnern an die Prophezeiung und Rache von Odysseus.
Das Nibelungenlied zeichnet sich auch dadurch aus, dass es die Konventionen seiner Entstehungszeit herausfordert, zum Beispiel durch die Präsenz weiblicher Hauptfiguren mit Handlungsfähigkeit. So passt Kriemhild in Aventiure 1 die Stereotype für edle Frauen an – aber nach Siegfrieds Mord ändert sich ihre Rolle in der Handlung stark, und sie übernimmt die Rache, eine Sache, die sonst als „männlich“ gesehen wurde.
Insgesamt finde ich es sehr interessant, wie modern das Nibelungenlied scheint, insbesondere im Vergleich mit dem Hildebrandslied. Einerseits zeigt das, dass die mittelalterlichen Autoren überraschend moderne Ideen haben konnten, andererseits betont es auch die alten Traditionen und die Abhängigkeit vom Kampf, um Konflikte zu lösen.